Presseandrang vorm Rathaus

Die Situation nach dem Vorfall

„Großhansdorf sei geschockt! Ganz Schleswig-Holstein sei verstört! Der Albtraum von Großhansdorf! Schreie im Morgengrauen! Terror-Gefahr in beschaulicher Nachbarschaft!“

Was mussten wir nicht alles lesen in der bundesweiten Nachrichten-Presse der letzten Tage. Schlagzeilen überschlugen sich, ob der Geschehnisse des vergangenen frühen Dienstag Morgens.

Sicherlich hast auch du darüber gelesen, davon gehört, dich mit anderen darüber ausgetauscht. Ein mutmaßlicher Schläfer wurde im Morgengrauen von einem Einsatzteam des BKA in der Flüchtlingsunterkunft am Kortenkamp in Großhansdorf spektakulär verhaftet. Es soll ein drastischer schneller Zugriff gewesen sein. Mit Flutlicht, aufgebrochener Tür und Fenster. Der junge verdächtige Syrer konnte ohne Gegenwehr abgeführt werden. Das Spektakel dauerte nur wenige Minuten, doch hinterläßt im Land, im Ort, am meisten jedoch bei den durch Nachbarschaft direkt Betroffenen einen nachhaltigen Eindruck.

Langsam kehrt die Ruhe und Normalität wieder in den Großhansdorfer Alltag zurück; die Aufregung legt sich. Aber war es wirklich so schlimm wie die Medien posaunen? Wie ist die aktuelle Stimmung im Ort und wie geht es jetzt weiter?

Zu letzten Mittwoch Abend berief unser Bürgermeister Herr Voß und das hiesige Flüchtlingsamt gemeinsam mit dem Freundeskreis Flüchtlinge Großhansdorf kurzfristig eine Versammlung im Gemeindesaal in der Alten Landstraße ein. Hier wurde der Tathergang geschildert, der Ist-Stand erläutert, Bürger-Fragen beantwortet und auch die Paten und Betreuer einiger Flüchtlinge kamen zu Wort.
Ein weiterer offizieller Termin fand für die Repräsentaten und Repräsenonkel der hiesigen Presse am Freitag Vormittag im Rathaus statt. Bei beiden Terminen durften wir anwesend sein und möchten hier im Auszug davon berichten, damit du dir selbst ein Bild von der Sache machen kannst:

Herr Voß schilderte am Mittwoch Abend den Ablauf der Razzia soweit bekannt. Er wurde im Vorwege vom BKA nicht eingeweiht, nicht auf den Schrecken in der Nacht vorbereitet. Es habe ihn „kalt erwischt“, wie alle anderen Beteiligten auch. Er bekam nächtlich jenen Anruf und wurde dann stets auf dem Laufenden gehalten.
Der weitere Hergang der Aktion wurde bereits mehrfach ausführlich in den Medien aufgearbeitet, nachzulesen u.a. beim Hamburger Abendblatt.

Mit eher schlechten Gefühlen beging Herr Voß diese Versammlung an jenem Abend, wie er im Pressegespräch am Freitag mitteilte. Er fürchtete lauter werdende Kritik seitens der Flüchtlingsgegner. Er habe einige besorgte Anrufe erhalten; Nachfragen, ob ein weiterer Vorfall garantiert ausgeschlossen sei, ob wir hier denn nun noch sicher wären. Auch mit Stimmen aus der Richtung „Ich habe es ja die ganze Zeit gewußt“ und Weltverschwörern mußte er umgehen. Natürlich rufen eher beunruhigte Gemüter ihren Bürgermeister an, sodaß Herr Voß den Eindruck eines aufkeimenden Stimmungswandels erhielt.
Um so positiv überrascht zeigte er sich, als die Meinungen und Äusserungen am Mittwoch Abend teilweise zwar kritisch waren, aber ein anderes Bild als die vorangegangenen Einzel-Gespräche abgaben. Hier wurde vom „Beweis, dass das Kontrollsystem funktioniere“ gesprochen und ein „Wir lassen uns nicht unterkriegen“-Gefühl herrschte im Raum.

Wie geht es jetzt weiter?

Thematisiert wurde natürlich auch der Punkt, wie man jetzt mit dem Vorfall weiter umgehe. Es wird im Ort keine erhöhte Streifenwagendichte oder ähnliches geben. Man wolle, nachdem sich der Schreck soweit gelegt hat, weitermachen wie bisher. Die Flüchtlingsarbeit in Großhansdorf war bislang durchweg vorbildhaft und herzlich und genau so soll es bleiben. Man möchte eine Radikalisierung in jede Richtung vermeiden, keine Personen unter Generalverdacht stellen, keine Anleitung „Wie erkenne ich einen Schläfer“ erhalten. Der Fokus liege weiterhin auf guter Integrationsarbeit, und diese baut auf ein offenes freundliches Miteinander und auf die Vermittlung, dass unsere hiesigen Werte gute Werte sind.

Was passiert mit den Flüchtlingen, die auch in der Unterkunft am Kortenkamp wohnen?

Am betroffensten sind vermutlich die knapp über 20 anderen Flüchtlinge, die im Kortenkamp untergekommen sind. Diese jungen Männer und Familien mit Kindern wurden durch den massiven Eingriff teilweise an jene Situation erinnert, wegen der sie ihre Heimat verlassen haben. Die Bestürzung in den Reihen der Geflüchteten sei riesig.  Einige stehen unter Schock und benötigen Betreuung. Es finden Gespräche mit dem Flüchtlingsamt und dem Freundeskreis statt, ein Psychologe und Dolmetscher stehen zur Verfügung. Die Option eines Umzugs in eine andere Unterkunft wird angeboten, jedoch bislang von keinem in Anspruch genommen. Auch hier möchte man sicherlich schnell wieder zur Ruhe finden und in den Alltag zurückkehren.
Auch um die umliegenden Nachbarn wird sich gekümmert und das Gespräch gesucht. Ein kerniger Hausmeister am Kortenkamp stellt sich schützend vor die betroffenen Leute und verscheucht all jene, die auf der Suche nach einer Schlagzeile zu nahe kommen. Und das ist auch das, was Herr Voß und der Freundeskreis tun: sie stellen sich schützend vor die Menschen, indem sie weiter den eingeschlagenen Kurs halten, sachlich bleiben und Äußerungen nicht auf Grund von Mutmaßungen tätigen.

Jeder von uns muß nun für sich selbst entscheiden, wie der Vorfall nachhaltig auf ihn wirkt. Aber wir sind zuversichtlich, dass der „Albtraum von Großhansdorf“ nur eine Pressefloskel bleibt.